Bettler und Landstreicher in der preußischen Rheinprovinz. Zwischen Barmherzigkeit, Repression und Sozialreform (1815-1914)

Datum / Uhrzeit
Dienstag, 05.09.2006, 18:00 Uhr - 00:00 Uhr

Bettler, Vagabunden, Landstreicher – kein Phänomen der Fußgängerzonen unserer Zeit, sondern schon im 19. Jahrhundert Gegenstand erregter Debatten und sozialreformerischer Bemühungen, auch in der preußischen Rheinprovinz. Der Verein für Geschichte und Kunst des Mittelrheins lädt ein zu einem Vortrag von Dr. Beate Althammer, Universität Trier, am 5. September 2006, 18:00 Uhr im Landeshauptarchiv Koblenz zu diesem Thema.

 

Das 19. Jahrhundert war bekanntlich das Jahrhundert der Industrialisierung und Urbanisierung, es wird gemeinhin mit neuartigen sozialen Problemen und der Herausbildung einer modernen Sozialpolitik assoziiert. Weit weniger ist von der historischen Forschung bislang beachtet worden, dass trotz allen beschleunigten Wandels zugleich eine sehr traditionelle Erscheinungsform der Armut noch immer allgegenwärtig war: Das Betteln, von Behörden und Gesellschaftstheoretikern seit Jahrhunderten vergeblich bekämpft, erwies sich weiterhin als unausrottbar, und auch sein Gegenstück, das Almosengeben, war zumindest für Teile der Bevölkerung noch immer eine selbstverständliche Praxis. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, im Gefolge der schweren Wirtschaftskrise der 1870er Jahre, gewann besonders das Phänomen der mobilen Wanderbettelei sogar nochmals dramatisch an Brisanz: Publizistik und Verwaltungsberichte sprachen von einer wahren „Flut“ bettelnder Vagabunden, von einer „Landplage“, die die Gegend unsicher mache.

 

Am Beispiel der Rheinprovinz und vornehmlich anhand von Quellen aus dem Landeshauptarchiv wird der Vortrag die Hintergründe und die zeitgenössischen Reaktionen auf die bettelnde Armut beleuchten. Wer waren die Menschen, die als „Bettler“ und „Landstreicher“ qualifiziert wurden? Was trieb sie zu ihrem „normwidrigen“ Verhalten? Inwieweit konnten sie noch mit althergebrachter, christlich motivierter Mildtätigkeit rechnen? Welche Strafen drohten ihnen seitens der Polizei und Justiz? Und inwieweit entstanden im 19. Jahrhundert neue, sozialreformerische respektive wissenschaftliche Konzepte, um das alte Problem zeitgemäß zu deuten und zu bewältigen? Ein Schwerpunkt des Vortrags wird auf der Gründung des „Rheinischen Vereins wider die Vagabundennoth“ und der katholischen Arbeiterkolonie Elkenroth im Kreis Altenkirchen liegen, wo Vagabunden seit den 1880er Jahren durch Arbeit und Gebet zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft umerzogen werden sollten.

 

Veranstalter
Verein für Geschichte und Kunst des Mittelrheins zu Koblenz e. V.
Veranstaltungsort
Landeshauptarchiv Koblenz
Karmeliterstr. 1/3
56068 Koblenz
Tel: 0261 9129-0