Karl der Große oder Charlemagne? Wem gehört der Karolinger?

Datum / Uhrzeit
Dienstag, 04.09.2007, 18:00 Uhr - 00:00 Uhr

Prof. Dr. Franz J. Felten spricht  im Landeshauptarchiv vor dem Verein für Geschichte und Kunst

Es geht in dem Vortrag mehr als um den Streit von Ingelheim und Lüttich, Aachen und Karlsburg und einigen anderen Orten, die beanspruchen, Geburtsort eines der größten Herrscher des Mittelalters zu sein. Die für den Vortragstitel gewählten Namensformen verweisen auf einen ernsteren Streit, der nicht erst im 19. und 20. Jh. die Gemüter erhitzte? Frankreich und Deutschland stritten sich nicht nur um die Rheinlande – der Rhein als natürliche Ostgrenze Frankreichs auf der einen, der Rhein als Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze auf der anderen Seite – sondern auch um den berühmten Karolinger. In Frankreich nahm man ganz selbstverständlich seit dem 10. Jh. den fränkischen Namen und die fränkische Tradition für sich in Anspruch– Francia – Ile de France – Frankreich! Hier auch  empfing Karl den "vollen Dank der Poesie", wie der Balladendichter Ludwig Uhland bitter feststellte. Selbst die laizistische III. Republik feierte ihn als Schöpfer des allgemeinen Schulwesens.
In Deutschland finden sich neben empörter Behauptung, er sei "ganz und gar ein Germane und Deutscher gewesen"  (so Aventin im 16. Jh.), genauer: "Moselfranke" mit gesunden Sitten (1935), auch leidenschaftliche Ablehnung – als Unterdrücker der germanischen Freiheit und Sachsenschlächter. Führende Nationalsozialisten wetteiferten darum, Widukind und seinen Mannen grandiose Denkmäler zu setzten. – auf Karl den Sachsenschlächter konnten sie in ihrem nationalen Walhall verzichten. In Paris triumphierten schon Zeitungen: Deutschland überläßt uns Karl den Großen". Es war im Rheinland, wo man sich der Brisanz dieses drohenden Verlustes früh bewußt wurde: "Wer ... dem großen Führer Karl den deutschen Charakter abspricht, der unterstützt ... die französische Rheinpolitik, der begeht Landesverrat" (1935). Wenig später - nicht erst nach 1945 - feierte man Karl, wie schon zu Lebzeiten, als "Vater Europas", "Neuschöpfer der abendländischen Welt" usw.
Der Vortrag zeigt an oft drastischen Beispielen, vom Mittelalter bis in die Gegenwart, wie unterschiedlich der vor fast 1200 Jahren gestorbene Kaiser von den Lebenden genutzt wird. 
Gäste sind – wie immer - willkommen.

Veranstalter
Verein für Geschichte und Kunst des Mittelrheins zu Koblenz e. V.
Veranstaltungsort
Landeshauptarchiv Koblenz
Karmeliterstr. 1/3
56068 Koblenz
Tel: 0261 9129-0